Am IT-Puls der Unternehmen: Low-Code in der Praxis


Die Digitalisierung in und von Unternehmen vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Vielfach erweisen sich dabei die eingesetzten betrieblichen IT-Systeme als limitierender Faktor, denn für disruptive Geschäftsmodelle bzw. neuartige Geschäftsprozesse gibt es in aller Regel keine vorgefertigten Software-Lösungen. Wie aber eine individuelle Software-Entwicklung vereinfachen und beschleunigen? Als Lösungsansatz bieten sich Low-Code-Plattformen an. Dieser Ansatz wurde in vier Referaten am 4.11.2021 im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Am IT-Puls der Unternehmen» des Instituts für Informations- und Prozessmanagement (IPM) an der OST thematisiert.


Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch die Leiterin des Instituts für Informations- und Prozessmanagement (IPM-OST), Pascale Baer-Baldauf, gab Christoph Baumgarten, Dozent für Wirtschaftsinformatik am IPM-OST, einen Einblick in die Herausforderungen, die viele Unternehmen heute zu meistern haben: Betriebliche Informationssysteme unterstützen die Prozesse in Unternehmen. Wenn sich die Prozesse signifikant oder gar disruptiv verändern, müssen diese Systeme, häufig unter grossem Zeitdruck, angepasst werden. Dies führt oft zu einem Entwicklungsstau, da in aller Regel nicht genügend Softwareentwicklungskapazität verfügbar ist. Dies kann sich gerade in Phasen der digitalen Transformation als entscheidender Nachteil erweisen.

Oft stehen Unternehmen also vor der Problematik, individuelle Lösungen möglichst schnell selbst entwickeln zu müssen. Ein Lösungsansatz besteht in der Verwendung von Low-Code-Plattformen. Diese werden immer häufiger eingesetzt, die Gartner Gruppe schätzt das Wachstumspotenzial allein für 2021 auf rund 30 Prozent.


Low-Code: Was ist das und worauf kommt es an?

Ziel dieser Plattformen ist es, die Softwareentwicklung zu beschleunigen und breiter abzustützen, referiert Christian Straube von der adesso Schweiz AG: Sogenannte Citizen Developer, d.h. Anwender*innen mit geringen Programmierkenntnissen, werden befähigt, in kurzer Zeit zuverlässige Softwaresysteme zu entwickeln. Anwendungen werden durch "Zusammenklicken" vorgefertigter Softwarebausteine konfiguriert, die Ablauflogik mittels grafischer Modelle formuliert und nur mit wenig selbst erstelltem Programmcode («low code») individuell angepasst. Quasi «per Knopfdruck» können sie dann den Anwendern direkt auf unterschiedlichen Endgeräten bereitgestellt werden. Damit können die von Christoph Baumgarten beschriebenen Herausforderungen angegangen werden, wie beispielsweise Kapazitätsengpässe in der IT-Abteilung oder die mangelnde Integration der Fachabteilungen in die Lösungsentwicklung. Punkten können Low-Code-Anwendungen durch eine kürzere Time-to-Market und einer höheren Kosteneffizienz, so Straube. Um diese Potenziale zu nutzen, ist aber eine Festlegung von Erfolgskriterien für die Einführung von Low Code sehr wichtig. Insbesondere müssen eine zur Unternehmung passende Form des Citizen Developments gewählt und eine ausreichende organisatorische Unterstützung und Verankerung sichergestellt werden.


Low-Code Solutions – Was bietet Microsoft dem Citizen Developer?

Christoph Mäder, Gründer der TechOne GmbH, präsentiert als Experte die «Power Plattform», die Low-Code Umgebung von Microsoft. Er beschreibt zunächst den Aufbau und die Möglichkeiten der Power Plattform und stellt anschliessend zwei Low-Code Apps vor, die er gemeinsam mit Kunden entwickelt hat.

Die Microsoft Power Plattform umfasst Power Apps, Power Automate, Power BI sowie Power Virtual Agents. Mit Daten aus dem Dataverse, der hauseigenen Datenplattform, oder der Anbindung diverser weiterer, auch externer Datenquellen mittels entsprechender Konnektoren lassen sich mit diesen Tools Low-Code Apps entwickeln. Microsoft verfolgt mit dieser Plattform das ehrgeizige Ziel, dass jede Person mit wenig Schulungsaufwand befähigt werden kann, eine Applikation zu erstellen. Mit Live-Demonstrationen präsentiert Mäder nach dieser Einführung zwei realisierte Anwendungen:

  • Im Dynamics 365 der BFH-Berner Fachhochschule können Personen mit Tags resp. Merkmalen versehen werden. Dabei wurde mit Power Apps eine einfache Benutzeroberfläche entwickelt, mit welcher die passenden Tags in einer Liste aktiviert und deaktiviert werden können. Diese stehen danach automatisch allen zur Verfügung.

  • Im Forschungsprojekt ArealPlus des IPM-OST war Christoph Mäder als Experte für die Microsoft-Palette involviert. Mit Power Apps und Power Automate wurde ein digitaler Leitfaden zur Unterstützung der strategischen Innenentwicklung von Gemeinden realisiert. (Mehr zum Projekt gibt es hier)

Das Fazit von Christoph Mäder: Microsoft bietet mit seiner Plattform eine komplette Suite für den Low-Code-Entwickler. Der Einstieg gestaltet sich einfach und mit der Microsoft Community sowie der Microsoft-Dokumentationen sind entsprechende Hilfestellungen vorhanden. Ein Konzept und einen Plan benötigt man jedoch trotzdem – das kann Microsoft nicht abnehmen!


Schriftliche Arbeiten an der Universität St. Gallen: Praxiserfahrungen mit Low-Code

Über die Erfahrungen mit konkret umgesetzten Low-Code Projekten berichtet auch der dritte Referent des Abends – Marco Messmer, IT-Projektleiter an der Universität St.Gallen. Für den bereits bestehenden Prozess der Einreichung von Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen wurde ein Verwaltungstool für die Administration der entsprechenden Arbeiten entwickelt. Das Ganze basiert auf der bereits vorgestellten Power Plattform von Microsoft. Messmer berichtet von seiner Beobachtung, dass die Entwicklung von wenig komplexen Lösungen mit Low-Code Projekten sehr schnell realisiert werden kann. Im Fall des Projekts konnten die bestehenden Komponenten (SharePoint Listen und Bibliotheken sowie die Rechteverwaltung) direkt eingebunden werden. Aus Projektleiter-Sicht möchte er den Zuhörern jedoch auch mitgeben, dass es sich bei Low-Code um eine weitere Technologie handelt, welche nicht ohne organisatorische Abklärungen und punktueller Unterstützung von der IT-Abteilung eingesetzt werden kann. Als Beispiele nennt Mäder das Wissensmanagement und das Definieren von Projekt- und Stellvertreter-Rollen.


LowCodeLab@OST

Christoph Baumgarten, Dozent für Wirtschaftsinformatik am IPM-OST, präsentiert zum Abschluss der Veranstaltung die neuesten Informationen über die Low-Code Aktivitäten der OST: Noch in diesem Jahr startet mit dem LowCodeLab@OST ein neues Projekt. Zusammen mit Partnern aus der Praxis - die adesso Schweiz AG konnte bereits als strategischer Partner gewonnen werden - wird ein Kompetenzzentrum zur Thematik "Citizen Development" und Low Code-Plattformen aufgebaut. Dazu werden auch verschiedene Demo Cases und Best Practice-Richtlinien rund um Low Code und Citizen Development entstehen. Die Erfahrungen und Resultate dieser Aktivitäten werden unter anderem in bestehende und neue Weiterbildungsangebote eingebracht. Zudem positioniert sich das LowCodeLab@OST als Plattform für Vernetzung und themenbezogenen Wissenstransfer: So sind nicht nur regelmässige Fachveranstaltungen vorgesehen, über das LowCodeLab@Ost sollen auch Unternehmen bei der Evaluation und dem Einsatz von Low Code-Plattformen unterstützt werden.

Kontakt LowCodeLab@OST: Rainer Endl und Christoph Baumgarten